Gegner der Suizidbeihilfe befürchten eine Verarmung an Erfahrungen rund um das Sterben.
Die Meinung über die Sterbehilfe ist mit dem jeweiligen Menschenbild verknüpft. Entscheidend ist auch, welche Bedeutung dem Leiden zugemessen wird.
Zwar sollen die geltenden Regeln für die organisierte Sterbehilfe unangetastet bleiben, wie der Bundesrat vor einem Jahr entschieden hat. Doch wer meint, die Sache sei damit zu Ende diskutiert, sieht sich getäuscht. Dies zeigt ein soeben erschienenes kontradiktorisch aufgebautes Buch. Und dies zeigte auch ein Abend in Zürich, an dem über die Sterbehilfe gestritten wurde. Sechs Autoren, die sich im Buch «Der organisierte Tod» äussern, debattierten darüber, wer die Macht über die letzte existenzielle Entscheidung des Menschen innehat.
Verlust an Emotionen
Als grundlegend für die Haltung zur Sterbehilfe entpuppt sich der Begriff des Leidens. Während die Gegner der Meinung sind, dass ein gewisses Ausmass an Leiden zum Leben gehört, weigern sich die Befürworter, sich eine Meinung über das Leiden eines anderen Menschen anzumassen. Der für die Sterbehilfeorganisation Exit tätige Pfarrer Werner Kriesi sagte anlässlich des Streitgesprächs, dass «von aussen gesehen Leiden nicht verstehbar» sei: «Als Gesunder habe ich zum Leiden eines Menschen, der sterben will, nichts zu sagen.» Der Entscheid, das Leiden zu beenden, liege allein beim Leidenden.
Die Psychologin und Theologin Monika Renz, die am Kantonsspital St. Gallen Krebspatienten betreut, tritt hingegen für eine Enttabuisierung des Leidens ein, und zwar nicht weil Leiden heroisch, sondern weil es Realität sei. Patienten empfänden möglicherweise nicht das als Leiden, was Aussenstehende als solches wahrnehmen. Sterben sei ein Prozess, in dem der Mensch das Bewusstsein überschreiten könne. Dies sei eine «Extremerfahrung», und sie verstehe nicht, weshalb diese mithilfe des assistierten Suizids zur «Softsache» gemacht werden solle. «Weichen wir dem Leiden aus, verlieren wir in der Folge einen Teil unserer Empfänglichkeit für Beziehungen, Sinneswahrnehmungen, Emotionen, Spiritualität», sagt Renz im Buch, das einen Überblick zur Auseinandersetzung mit der Suizidhilfe bietet.
Auch der Zürcher EVP-Kantonsrat Gerhard Fischer sieht die Erfahrung des Sterbens durch die Sterbehilfe bedroht: «Sterbende Menschen sind sehr wertvolle Menschen. Wir können von ihnen profitieren, sie lehren uns viel, wie zum Beispiel Barmherzigkeit.» Der ehemalige CVP-Nationalrat und Kommandant der Schweizergarde in Rom Pius Segmüller erkennt im Leiden einen Sinn: «Auch die Geburt ist ein Leiden für die Mutter, und doch kommt dabei neues Leben zur Welt.» Trotzdem: «Sinnlose Lebensverlängerungen» lehnt Segmüller ab. Er findet es zulässig, wenn man einen Schwerkranken durch Unterlassen oder Reduktion lebensverlängernder Massnahmen sterben lässt.
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